Alternativer Frauenwohlfühlbereich: Esoterikfestival

Musikfestivals bieten zwar eine Szene, die zu ihresgleichen aufgeschlossener ist als manche andere, auch die Durchschnittsbevölkerung, wo das gemeinsame Band oft fehlt. Ursprünglich war das verbindende die vielfältige kulturelle Ergänzung der Geschlechter, die Bezüge schuf. Da dies mit der Femanzipation entfiel, muß Gleichheit die ausgefallenen Bezüge ersetzen. Nunmehr erhält man eine bessere, weniger gleichgültige Behandlung, wenn man zur gleichen Szene, „Subkultur”, zum gleichen Interessensgebiet, zur gleichen Ideologie oder ähnlichem gehört.

Doch der erleichterte Zugang hat enge Grenzen, beschränkt sich auf Musik, bleibt oberflächlich. Die Tag und Nacht überlaut wummernden Tiefbässe knicken die Hörhärchen im Ohr. Am besten ist es tagsüber, wenn es nette Begegnungen und Gespräche gibt. Daher lag nahe, einmal ein Festival ohne Wummern zu versuchen, in dem tagsüber Kurse (denglisch: Workshops) angeboten werden. Vielleicht gibt das eine bessere Grundlage zum Kennenlernen und für gute Gespräche.

Das Esoterikfestival zieht eigenes Publikum an, mit Überschneidungen zu Althippies und jüngerer Goa-Szene. Ein freundliches Anlächeln Gleichgesinnter gehört zum guten Ton, sagt aber gar nichts aus.

Unter der auf „Liebe für alle”, „unendliche Liebe” und „Friedfertigkeit” gebürsteten Oberfläche geht es gleich ganz anders zu. Es gab, im Gegensatz zu Musikfestivals, wenig persönliches Kennenlernen, kaum tiefe Gespräche.

Überall werden Göttinnen besungen, die ungeheure Wichtigkeit, die eine Frau für eine andere Frau hätte. Gaia und Mutter Erde sind Standardreferenz, ganz gleich worum es geht. Sogar wenn einige der älteren Mantren gesungen werden, die hinduistisch inspiriert sind, und daher indische Götter erwähnen, wird oft ein „Schakti” dazugesungen, womit die Referenz auf eine Göttin umgebogen wird. Denn im indischen Hinduismus bedeutet „Schakti” Kraft, die aber weiblich ist. Der Gott hat eine (oder mehrere) Frau(en), und diese Göttin ist die Kraft des Gottes.

Westliche Esoterik hat, im Gefolge des Feminismus, der ab 1968 die Urhippieszene überrollte, sämtliche Referenz auf Männer und Götter weggespült, eine rein weiblich, frauenbezogene, feministisch umgedrehte Esoterik mit Matriarchatsverherrlichung geschaffen. Dabei sind sämtliche Angelegenheiten von Männern, ja alle Bezüge von Frauen auf Männer und die Beziehungen zwischen den Geschlechtern verdrängt und ausgeschlossen worden.

Daher mag es wenig zu erstaunen, wenn eine solch einseitige Spiritualität mehrmals so viele Frauen wie Männer zum Festival lockt. Doch obwohl das Geschlechterverhältnis auf dem Festival den wenigen Männern erleichtern könnte, mit einer oder einigen der vielen Frauen in Kontakt zu gelangen, ist das aufgrund des einseitigen Bewußtseins besonders schwer. Auf normalen Musikfestivals gab es trotz Männerüberschuß viel mehr und tiefere Gespräche.

Frauen hörten weg. Rationale Gedanken kommen hier schon gar nicht gegen Glauben an. Eine betonte lobend die „freie Liebe”, die es gäbe. Doch diese Freiheit gilt, spätestens seit 1968 Feminismus uns überrannte, ausschließlich für Frauen. Männer und männliche Sexualität wurden verunglimpft, kriminalisiert, in jahrzehntelangen Kampagnen vermiest. Männer werden von weiblicher sexueller Selektion diskriminiert. Frauen haben jede sexuelle Freiheit, Männer keine. Männer dürfen nur auf Interesse von Frauen reagieren. Besteht dies nicht, was nach feministischen Angaben und nach genetischen Studien für 80 Prozent der Männer gilt, bleiben die Männer unter solchen Umständen chancenlos.

Das ist die brutale Seite dieser Ich-bin-gut-Kitsch-Esoterik, die ständig eine rein ichbezogene und frauenbezogene angeblich grenzenlose Liebe bedingt. Doch die Liebe hat enge Grenzen; sie gilt garantiert nicht fremden Männern, die ihrer bedürften. Liebe ist zur egozentrischen Gefühlsduselei geworden. Die in ihr schwelgen, kommen sich selbst sehr gefühlvoll vor, haben aber keinerlei Anteilnahme und Gefühl für Männer, wenn es darauf ankommt, weil Männer es gerade brauchen.

Anderswo vermag ich mit rationalen, gut durchdachten Argumenten etwas auszurichten. Hier prallen sie am Glauben der Esoteriklehrerinnen ab. Sie glauben an ihre Esoterik wie ein Moslem an die koranische Botschaft. Da nützen die überzeugendsten Nachweise einer feministischen Verdrehung der ursprünglichen Spiritualität nichts.

Kraß ist, wie allein ein Mann bei krassem Frauenüberschuß in einer uneingeschränkte Liebe predigenden und anbetenden Gemeinschaft sein kann – freilich ist es, anders als bei den Urhippies, eine kastrierte Liebe, die Männer unberücksichtigt läßt, erst recht die Bezüge zwischen Mann und Frau. Aufgrund biologischer Spielchen, wie der sexuellen und sozialen Selektion, mit der Frauen Männer diskriminieren, sind genau diese Bezüge zwischen Mann und Frau entscheidend. Feminismus hat sie restlos entfernt. So kann nichts funktionieren. Darüber sprach ich am Lagerfeuer offen.

Einer Frau, die sich vor dem Feuer umdreht, sagte ich: „Das ist eine gute Idee; die Hitze des Feuers ist einseitig; sonst wirst du von vorn geröstet. Vielleicht sollten wir uns auch geistig umdrehen, denn geistig ist die Göttinnenverherrlichung und das Übergehen alles männlichen genauso einseitig.” Sie verstummte bald: das übliche Verstummen und Verschweigen.

Mit religiöser Inbrunst werden Mantren gesungen, in tiefer, meditativer Versenkung, mit ganzer Seele im Gefühl schwelgend. Der Text ist oft kraß: „Ich bin, ich bin, ich bin das Licht1, ich bin das Licht der Welt. Ich bin, ich bin die Güte, ich bin die Sonne, ich bin das All. Ich bin die Barmherzigkeit. Ich bin, ich bin.”

Ein nüchterner Geist wird das als entgleisten Egozentrismus deuten, dem jedes Maß verlorenging, weil Egozentrismus zum Maß aller Dinge und religiöser Verehrung wurde. Ein sich selbst als „Barmherzigkeit” beweihräuchernder Geist wird im Leben offenbar nicht barmherzig sein, sich aber selbst dafür halten. Dies tritt spätestens dann ein, wenn die völlig verdrängte männliche Seite auf die Idee käme, ihre ebenso radikal unterdrückte männliche Sexualität ausleben zu wollen. Im Frauenwohlbereich feministisch verdrehter Esoterik wäre das ein Tabubruch, der abgelehnt, verachtet und bestraft würde, nicht aber auf Mitgefühl oder Barmherzigkeit stoßen. Ein Deadhead aus den USA hat mir von Lynchjustiz auf amerikanischen Rainbow-Festivals erzählt, wo eine bloße Bezichtung auf sexuellen Übergriff, von der wir wissen, daß diese in der Mehrzahl der Fälle falsch ist, mit drastischer Lynchjustiz geahndet wurde. Sexuelle Freiheit gibt es nur für Frauen. Männern droht Falschanklage und Lynchjustiz; daher verzichten sie klugerweise auf einvernehmliche Abenteuer in feindlichem Umfeld.

Eine Frau meines virtuellen Freundeskreises hat damit geprahlt, sie habe nach dem Motto „Macht Liebe statt Krieg” so „oft und viel Liebe gemacht, daß es eigentlich weltweit Frieden geben müsse”. Das ist natürlich hinrissig, wenn eine Mehrzahl Männer ausgeschlossen wird, sich durch den stolz verkündeten Spaß der Frau, die sie ausschloß, eher zusätzlich verhöhnt als befriedet vorkommen müssen.

Der Lackmustest solcher Ideologie und Einstellungen ist, sie mit konkreten Bedarfssituationen zu kontrastieren. Sobald Männer und männliche Bedürfnisse beteiligt sind, wird diese Probe das vollständige Scheitern von Esoterik und Feminismus zeigen, nämlich das Gegenteil einer Lösung – eine Verstärkung der Probleme.

Inzwischen haben die Sänger auf der Bühne gewechselt, aber das Mantra bleibt ähnlich: „Ich bin das Licht. Konzentrier dich ganz auf dich.” Wieder leuchtet der krasse hedonistische Egozentrismus durch, der alle Bekundungen von „Alle Menschen sind eins” zu einem gefühlsbetonten Geschwurbel macht, welches der Realität leider widerspricht. Die Idee, das „All” und das „Licht der Welt” zu sein, hat etwas von Hybris und Größenwahn. Das verdoppelte sich im frauenbezogenen, feministischen Geschlechtsegoismus, der ebenso das weibliche absolut setzt, das männliche ignoriert und die Bezüge zwischen beiden kappt.

Beide Musikgruppen, und viele andere Liedermacher, Arbeitskreise (denglisch: Workshops) ergänzen den entgrenzten Egozentrismus durch einen ebenso totalen frauenbezogenen weiblichen Geschlechtszentrismus.

Fast jedes Lied ruft Göttinnen an, und zwar nicht traditionelle, die es in Indien zu tausenden gibt, sondern neuerfundene aus den letzten, feministisch geprägten Jahrzehnten. Mutter Erde wird fast immer besungen oder im Vortrag zu fast beliebigen spirituellen Themen erwähnt, Gaja, Schakti, Muttergöttinnen.

Auf der Bühne lautet es gerade: „Seid stark Mütter, Töchter, Frauen, damit das Feuer der Göttin nicht erlischt.” Durchgehend prägen frauenbezogene Sichten die Texte, wie sie vom Feminismus erfunden wurden: Frauen beziehen sich auf Frauen, werden von Frauen tief beglückt. Es ist sozusagen eine esoterische und intellektuelle Wendung eines Bezugs von Frauen auf Frauen statt von Frauen und Männern aufeinander, wie er vom lesbischen Feminismus geprägt und verbreitet wurde. Selbst wenn die Frauen nicht lesbisch sind, unterscheidet ihr geistiges und soziales Verhalten sie in nichts von der Frauenbezogenheit, die der lesbischen Bewegung entstammte. Männer tauchen demgemäß gar nicht erst auf; noch weniger Bezüge zwischen beiden Geschlechtern. Alles heterosexuelle ist wegkastriert. Den Urhippies, die jene Esoterik einst erfanden, war gerade die heterosexuelle Verbundenheit wichtig gewesen. Die uns seit 1968 überrollenden feministischen Wellen haben die Dinge in ihr krasses Gegenteil verdreht, die männliche Seite untergehen lassen, und alle Verbindungen zwischen Mann und Frau beschädigt oder ganz beseitigt.

Die Dogmatik spiegelt sich im Essen. Passend zur Szene gibt es nur die Wahl zwischen vegetarisch und vegan. Ein Stand hat meist nur „spirituell korrekte” Rohkost, mit rohem Kohl und Kraut, die meinen Bauch mit Magen und Gedärm melonenförmig aufblähen würden. Da ich nicht die Absicht habe, kulinarisch Selbstmord zu begehen, und mir gänzlich unbekömmliche Speisen zu mir zu nehmen, nach dem Motto: „Entweder platzt mein Darm, oder auch nicht”, bleibt mir nur der Gang ins Dorf. Doch dort ist das Eierbrötchen nicht frisch, sondern uralt. Das Rührei ist vor langer Zeit einmal in einem Waffeleisen unvollständig gegart worden, kalt, alt und schmeckt scheußlich. Danach wird mir übel, den Tag verbrachte ich mit Brechdurchfall. Erst gegen Mitternacht hätte ich wieder etwas essen können, doch da gab es wieder nur noch Rohkost, die mein Leiden verlängert und vergrößert hätte.

Das Argument von Vegetariern, Veganern und Rohköstlern, auf diese Weise ließen sich mehr Menschen ernähren, zieht ebenfalls nicht. Denn während unser Land aufgrund zu geringer Geburtenrate einheimischer Bevölkerung einem demographischen Zusammenbruch zusteuert, vermehren sich Bevölkerungen in der „Dritten Welt”, einschließlich muslimischen Ländern und Schwarzafrika, übermäßig, was zur Verarmung trotz Wirtschaftswachstum führt. Die Wirtschaftsflüchtlinge werden auch vom Geburtenüberschuß in dortigen Ländern hervorgerufen, und von unserer selbstmörderisch geringen Geburtenrate angezogen.

Auch eine Umstellung auf vegetarische Kost ergäbe der Menschheit allenfalls wenige Jahrzehnte Atempause. Danach würde die untragbare Geburtenrate in Dritter Welt auch bei vegetarischer Ernährung im Verhungern enden. Wir retten also nicht die Welt, indem wir unser Land an eine neue Mehrheit übergeben, sondern den Egoismus anderer, sich auf unsere Kosten übermäßig fortzupflanzen.

Aber sehen wir nicht nur das negative, sondern auch das gute. Inmitten teilweise verirrter Lehren sind viele Sucher unterwegs, die offen nach Wahrheit und Antwort suchen. Es ist unsere Aufgabe, ihnen die verschüttete Wahrheit zu vermitteln. Viele sind mit voller Inbrunst dabei. Mögen wir diese auf die Wahrheit lenken. Ich hoffe, viel gelernt zu haben, wie eine spirituelle Bewegung funktioniert. Hoffentlich gründet sich bald eine neue, die näher an der Wahrheit ist, die unterdrückten Männer befreit und die Bezüge, Gefühle und Verantwortung zwischen beiden Geschlechtern wieder in den Mittelpunkt stellt, wie es alle Kulturen aller Zeiten taten, außer in feministischer Zeit.

Wie offen viele Sucher trotzdem sind, durfte ich in anregenden Gesprächen am Schluß und bei der Heimfahrt mit ihnen doch noch erleben. Hier gilt es, positiv zu sein, bleiben und zu wirken. Feindbilder und Gegensätze schaden nur. Mit positiven Energien läßt sich mehr bewegen: wenn wir uns den Verstand nicht verkleistern lassen und scharfes Nachdenken dem Empfinden hinzufügen, damit sich wirklich tiefe Botschaften ergeben.

Dieser Artikel wurde in das Buch „Anmache: Vom Anmachen und Abwimmeln”, Band 2 der Reihe „Weibliche Wahlmacht” aufgenommen.

Fußnote

1 «I am, I am, I am the light …» Solche Texte sind typisch. Auch in Santa Cruz, Kalifornien, war ich bei spirituell angehauchten Leuten zu Gast, die gleich mehreren Gurus mit Lehren wie „I am” folgten. Dort stand die Nahrung in Form von Kohl in Kübeln, wurde roh (!) gegessen, was den Magen ganz fürchterlich melonenhaft blähte. Ich war daher froh, rasch wieder fort und zu verträglicher Kost zu gelangen.

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